Text von Karin Stempel

Susanne Ruoff arbeitet mit verschiedenartigen Materialien, auf die sie sich auf unterschiedliche Art und Weise bezieht. Holz und Metall, roh oder bemalt, gefunden oder zugeschnitten - stets verbindet die Künstlerin beide Seiten der Gegensatzpaare so wie sich in ihren Reliefen und Wandplastiken Raum und Fläche zu etwas Neuem verbinden, das weder das Eine ist, noch das Andere, sondern beides gleichzeitig - die Formulierung einer neuen Mitte zwischen den Gegensätzen.
Schwer zu entscheiden ist, ob ein Fundstück, ein sonderbar geformtes Reststück, ein verbogenes Eisenrohr Anlaß für die Formierung einer Arbeit ist oder glückliche trouvaille. Der Prozeß des Suchens und des Findens ist unauflösbar in sich verschlungen so wie die gefundene Formierung die gemachte zu imitieren scheint und vice versa. Nicht nur in den kleinen Formaten, sondern auch im vorsichtigen, manchmal wie abwartenden Umgang mit den Materialien und ihrer Gestalt artikuliert sich die besondere Qualität dieser Arbeiten - nicht als Geste eines betriebsblinden genialisch verbrämten Größenwahnsinns. sondern als Ausdruck einer zarten Empirie einer Erfahrung, deren Kraft in ihrer Präzision und Delikatesse liegt, wie zurückgenommen und ganz in sich selbst ruhend.
Es ist nicht von ungefähr, wenn sich angesichts der Arbeiten von Susanne Ruoff Begriffe aufdrängen, die der Musik entstammen Da finden sich Variationen eines Themas, Bewegungsmotive, die sich mit einer durchgängigen Form wie mit einem basso continuo verbinden, da gibt es Farbklänge und rhythmische Reihungen, Zäsuren und Akkorde, Läufe und Gegenläufe - entscheidend ist, daß sich all diese Momente zu einer Melodie verbinden, die sich in einer Form verkörpert, die sich jenseits aller Hierarchien im scheinbar spielerischen Umgang mit den verschiedenartigen Elementen wie von selbst ergibt - mit einer Leichtigkeit, hinter der sich das Wissen um das bildnerische Vokabular verbirgt und die Ernsthaftigkeit im Umgang damit.

Text von Lothar Romain

Susanne Ruoff hat bei Hermann Bachmann studiert, bei einem rigiden und intensiven Maler. Die Farbe, sei sie die materialeigene oder die hinzugefügte, spielt in ihrer Arbeit noch immer eine Rolle. Doch längst hat sie die Bildfläche verlassen und mit Reliefs bzw. Wandplastiken ihre eigene Kunstgattung gefunden. Ihre Arbeiten sind räumlich geworden - und doch - außer den Installationen - mit ausdrücklichen Rückbindungen an die Fläche.
...
Die Konstruktion spielt dabei ebenso eine gewichtige Rolle wie die emotionale Balance. Die Holz- und Holz-Blech-Reliefs, die seit den frühen 90er Jahren entstanden sind und immer noch entstehen, machen das auf eine poetische Weise deutlich: Aus unterschiedlichen Holzstücken, so gefunden oder zurechtgeschnitten wie die eingepaßten Bleche, sind diese Reliefs zusammengefügt, nicht aggressiv in den Raum vorstoßend, sondern gebändigt, an die Fläche gebunden, mal mit nur leichten, von der unterschiedlichen Dicke der Bausteine bestimmten Erhebungen und Vertiefungen, mal deutlicher in den Raum gebogen mit Öffnungen des Reliefkörpers.
Formenvokabular und Aufbau dieser Arbeiten gründet im Konstruktiven, ohne jedoch dessen Herrschaft des rechten Winkels oder der Halb- und Drittelkreise nachzuvollziehen. Konstruktiv bezeichnet hier nur den Gegensatz zum wild wuchernden, blühenden Organischen. Die Ordnung, auch im so gemeinten Zuschnitt der einzelnen Bausteine, ist sichtlich eine gefügte, gebaute, keine gewachsene. Damit schlägt sie, ohne aufdringliche Didaktik, Brücken zu dem Materiallager, aus dem die Bausteine der Reliefs stammen, und darüber hinaus zu der industriellen Produktion, deren Abfall sie waren. In der strengen, wenn auch poetischen Ordnung der Dinge, in dem deutlichen Ineinandergreifen von vielfältigen Bogenformen, Kreissegmenten und Schiefecken, waltet ein rationaler Formwille. Darin spiegelt sich auch der kulturelle Kontext wider, in dem solche Arbeiten entstehen können.
Allerdings wird die Funktionalität, die den Abfall, die Reststücke erst hervorbrachte, hier ersetzt durch eine kreative Dynamik. Diese provoziert gleichsam Schritt für Schritt immer neue Reliefstücke, die sich in den schon vorhandenen Teil integrieren und zugleich den Arbeitsprozess für weitere Stücke offenhalten. Diese Reliefs sind, wiewohl fest gefügt, für das Auge keine statischen Gebilde. Wenn sie in die Gegenwart holen, was schon dem Altern überantwortet war, so meint dieses nicht eine endgültige, gegen alles Zeitempfinden sich verschließende Form, sondern Zeit ist hier wohl einbezogen, jedoch nicht als Ablauf, sondern als eine dynamische Bewegung in sich selbst. Das gilt auch für viele andere Arbeiten von Susanne Ruoff, daß sie, wenn Stille angesagt ist, eine bewegte meinen und die Konstruktion immer als ein dynamisches Ereignis erscheinen lassen.
Die Reliefarbeiten, die durch vorsichtige, nie überdeckende, das Material gar verdrängende farbliche Akzentuierung den Bewegungsablauf der Formenfolge noch verdeutlichen, präsentieren sich als Balanceakte ebenso der Formen wie der Emotionalität. Die rationale Komponente der Konstruktion geht hier einher mit einer schwer in Worte zu fassenden Gestimmtheit. Beeindruckend ist der Ausgleich zwischen Strenge und Spiel, zwischen Ordnung und assoziativer Verlaufsform. Diese Reliefs, das gilt im übrigen als Grundzug für alle Arbeiten von Susanne Ruoff, sind immer sowohl das eine wie das andere, angesiedelt im Zwischenbereich von Gegensätzen, ohne eine in sich ruhende Mitte darzustellen.
...
Nicht alle Arbeiten von Susanne Ruoff sind von eher kleinem Format. Ihr geht es nicht um Koketterie mit dem Kleinen, sondern um Angemessenheit, was immer auch eine Frage des Verhältnisses zwischen Format und Sujet ist. Wo die Künstlerin in den Landschaftsraum geht, und das hat sie mehrmals erfolgreich erprobt, arbeitet sie in größeren bis großen Maßstäben. Anläßlich der Ausstellung »im Wind« 1996 in Ahrenshoop/Ostsee hat sie z. B. aus Holz und Eisen zwei »Throne« geschaffen, die 4,5 m hoch sind und auf entsprechend hohen Stuhlbeinen wie auf Turmgerüsten stehen. Man nimmt sie wie Zeichen in der Landschaft wahr, wobei sich eine Spur von Ironie auf merkwürdige Weise mit atavistischen Anwandlungen verbindet. Throne sind Zeichen der Macht und entsprechend Land überschauend stehen sie da. Aber diese Throne sind wegen ihrer Höhe zugleich unbesetzbar. Ihr Sitz gehört dem Wind. Und würde einer ihn erklettern, so wäre er weit ab von dem, was er beherrschen wollte, erhöht bis zur Hilflosigkeit. Es sind die leeren Sitze der Götter, an die wir nicht mehr glauben, der verlorene Mythos, die leere, die auch lächerliche Höhe.
Auch diese Installationen in der Landschaft sind als Zeichen Vergegenwärtigungen von Konstellationen bzw. Ereignissen, die in der Realität dem Fluß der Zeit unterliegen. Ob ein »Mohnfeld«, das aus einer Vielzahl von Blumenköpfen aus Beton auf jeweils zwei Meter hohen Eisenstangen besteht, oder übergroße holzgeschnitzte Blätter, die auf welkendem Laub im Wald verstreut sind: der Lauf des Lebens, das Werden und Vergehen in der Natur wird innegehalten - und das nicht als dramatische Geste, sondern eher in Form eines Intermezzo. Bedeutung wird, wie bei den »Thronen«, nicht karikiert, sondern dinglich entrückt, was ein Lächeln einbezieht. Die Betonblumen auf üppig überwucherter Brache haben ob ihrer Künstlichkeit eine steife Würde. Sie sind ein Einstreusel in dieser Natur und doch zugleich Inbild von Resistenz, was den schnellen Wechsel der Natur betrifft. Das gilt auch für die holzgeschnitzten Blätter, und es gilt hier wie dort als »Ausdruck einer zarten Empirie« (Karin Stempel), in der die Bilder nicht bedrängt sind, sondern Zeit bis an den Rand von Zeitlosigkeit haben, ohne Ewigkeit vortäuschen zu wollen.
Susanne Ruoffs künstlerische Arbeit entwickelt sich nicht als Fortschreiten, in dem eine Phase die nächste ablöst, sondern als stetiges Einkreisen von Arbeitsfeldern und das - um Musil zu paraphrasieren - in Parallelaktionen. Keine Frage erledigt sich schon dadurch, daß eine andere auftaucht. Die fast zeichnerischen Wandstücke aus Eisen und Holz haben die Reliefs nicht verdrängt, und die Außeninstallationen nicht die anderen Werkgruppen. So entsteht eine bewegte Ruhe auch in den Werkprozessen, die sich in den Arbeiten selbst niederschlägt als Behutsamkeit, Intensität und Präzision.